„Freiheit ist, unter dem Gesetz zu leben, das man sich selber gegeben hat.“ Bernhard Schlink über Spaces of Freedom beim 15. Krokodil-Festival | KROKODIL
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„Freiheit ist, unter dem Gesetz zu leben, das man sich selber gegeben hat.“ Bernhard Schlink über Spaces of Freedom beim 15. Krokodil-Festival

„Freiheit ist, unter dem Gesetz zu leben, das man sich selber gegeben hat.“ Bernhard Schlink über Spaces of Freedom beim 15. Krokodil-Festival

Bernhard Schlink, einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart,war der Gast beim diesjährigen Krokodil Festival in Belgrad. Er ist einem breiten Publikum durch seinen Roman ,,Der Vorleser“ bekannt geworden, der ihn weltweit berühmt gemacht hat. Zu seinen anderen bekannten Romanen gehören ,,Olga“, ,,Die Heimkehr“, ,,Die Frau auf der Treppe“ sowie die Erzählungssammlungen ,,Liebesflüchten“ und ,,Sommerlügen“. Charakteristische Elemente seiner Romane sind authentische und starke weibliche Charaktere, Themen des moralischen Urteils und der Schuld sowie die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Interessanterweise wurden alle seine Werke ins Serbische von Spomenka Krajčević übersetzt, mit der ich über die Rolle von Übersetzern gesprochen habe: ,,Durch unsere Stimmen spricht der Autor in den Sprachen, in die wir ihn übersetzen.“

Wo finden Sie die Inspiration für die Entwicklung solch authentischer weiblicher Charaktere?

Bernhard Schlink: Ich hatte ein enges Verhältnis zu meiner Mutter und ich bin mit vielen Tanten aufgewachsen und die eine Schwester meiner Mutter war mir besonders lieb und ich ihr. Uns beide waren verbunden und haben viel geredet. Ich hatte zwei Schwestern. Eine lebt noch, eine nicht mehr und vielleicht finde ich Frauen letztlich interessanter als Männer. Ich denke, es hängt damit zusammen, dass Frauen heute weniger selbstverständlich als die Frauen meiner Generation in ihren Rollen leben konnten. Sondern sie kämpfen mit verschiedenen Rollen, mit verschiedenen Erwartungen, die sie haben und eigentlich die Gesellschaft hat, und das macht sie besonders interessant. Aber, die Literatur, die ich liebe, bei Gottfried Keller sind die Frauen interessanter als die Männer und bei Fontane ja eigentlich auch. Also das scheint etwas zu sein, was anderen Schriftstellern auch auffällt.

Warum verurteilen Menschen so leicht die unmoralischen Taten echter Menschen, während wir fiktiven Charakteren gegenüber tolerant sind? Welche Grenzen sollte man nicht überschreiten?

Bernhard Schlink: Ich kenne die serbische Gesellschaft nicht. Für die deutsche und auch die amerikanische und englische Gesellschaft kann ich sagen,dass das Moraliesieren furchtbar überhandgenommen wird. Ich denke ein Grund ist, dass die Welt ist kompliziert und, statt sich auf die Komplizertheit der Welt einzulassen ist es einfacher, mit dem moralischen Urteil das Problem zu erschlagen und jeder, der voll etwas nicht versteht, sich ein moralisches Urteil anmassen kann er allemal. Ich denke, wir haben viel zu viel Moralisierung jedenfalls in der Gesellschaft, die ich kenne, und viel zu wenig wirklich sich einlassen auf die Sache und die Probleme und ihre Kompliziertheit.

Was sind für Sie Spaces of Freedom? Glauben Sie, dass wir in Freiheit leben oder nicht?

Bernhard Schlink: Ich wurde sagen, Freiheit ist, unter dem Gesetz leben, das man sich selber gegeben hat. Mehr oder weniger. Das hängt von dem Land ab, in dem wir leben und so von der Verfassung, das hängt von der Gesellschaft ab, das hängt vom Einzelnen ab. Wer alkohol- oder drogenabhängig ist, lebt nicht mehr unter dem Gesetz, das er selbst gegeben hat, sondern under dem Gesetz einer Sucht. Also Freiheit ist etwas, was uns nicht einfach in den Schoß fällt. Deswegen müssen wir ein Gesetz geben, unter den wir leben wollen. Das macht sich nicht von selbst.

Was ist ihre Meinung über junge Rechtsradikale in Deutschland?

Bernhard Schlink: Ich denke, dass Gesellschaft darf ingesamt, die Kommunikation mit denen, die nach rechts oder nach links abdriften, nicht aufgeben. Und zumal nicht, wenn es um die jungen geht. Schon bei den Jungen ist Recht, bei den Älteren gibt es manchen mit denen man über Politik einfach nicht mehr reden kann, aber selbst mit denen ist es wichtig, dass man überhaupt noch, das heißt dann nicht über Politik, eine etliche Kommunikation aufrechterhält. Aber es gibt eben viele, die sind noch nicht festgefallen und gerade unter den Jugendlichen und da ist es ganz wichtig im Gespräch zu bleiben. Und in meinem letzten Roman „Die Enkelin“ versucht der Großvater, was denke ich, richtig ist, ihr einfach eine andere Welt zu öffnen, die rechte Welt ist sehr hermetisch, klein, eng und, dass er seiner Enkelin versucht eine neue Welt zu öffnen, bei ihr wird es dann die Welt der Musik, das denke ich ist wichtig, selbst auch wenn es gar nicht um die Politik geht. Einfach mehr Welt als diese kleine enge rechte Welt.

,, Jeder gute Schriftsteller schreibt, was er sagen möchte.“ Gibt es noch etwas, was Sie nicht geschrieben haben und was Sie sagen möchten?

Bernhard Schlink: Ich habe das Gefühl, die Geschichten die zu mir kommen und die bei mir bleiben, so dass ich sie schreiben will, die bringen von selbst die Themen mit, die meine Lebensthemen sind, so dass ich nicht denke: „Ach zu diesem Thema möchte noch Geschichte finden“, sondern ich vertraue darauf, dass auch zu den Lebensthemen zu den ich noch nichts geschrieben habe, wenn sie wirklich meine sind, die Geschichte schon kommen wird.

Jana Savić, Krokodils Journalist for a day

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